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Abitur 2019 - ein Abschied aus Schülerperspektive

10.07.2019

Am 28. Juni 2019 wurden in einer denkwürdigen Feierstunde erstmalig in der Geschichte der IGS Moormerland Abiturientinnen und Abiturienten verabschiedet.

 

48 junge Menschen erreichten bei uns die Allgemeine Hochschulreife, elf weitere aus dem 12. Jahrgang wurden außerdem mit dem Zeugnis über den theoretischen Teil der Fachhochschulreife entlassen.

 

Einer der Absolventinnen ist Beritan Acar. Die junge Frau verfasste folgenden Abschiedstext an ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, den wir an dieser Stelle nochmals zitieren möchten:

 

„Ich handle, also bin ich – Beritan Acar“  - eine Abwandlung Descartes

 

Moin Moin, ich bin’s Beritan.


Viele von euch kennen mich durch die SV und ihr fragt euch bestimmt, weshalb ich etwas für die Homepage der Schule schreibe. Also ich habe im Werte und Normen Unterricht ein Projekt angefangen, in dem ich mich angeregt durch die Philosophie mit meinen eigenen Entscheidungen beschäftige. Ich beschreibe euch etwas von meinem Weg an dieser Schule und weshalb er mich jetzt wegführt.


Kurz zu mir: Ich heiße Beritan Acar oder auch „Frau SV“, bin 19 Jahre alt und besuche derzeit die 12 Klasse unserer Oberstufe. Nach der 12 Klasse werde ich die Schule verlassen, da ich ein FSJ anfangen werde im Klinikum, dort werde ich ein Jahr lang im OP-Bereich tätig sein. 


Viele werden sich jetzt bestimmt wundern, warum ich nach der 12. gehe und nicht mein Abitur durchziehe, dies hat verschiedene Gründe. Der erste Punkt ist, dass ich gesundheitlich angeschlagen bin seit der 11. Klasse und es so langsam nicht mehr mitmachen kann, da der Stress bei mir zu Herzproblemen geführt hat. Zudem bin ich auch einer der Menschen, der sich gerne selbst unter Druck setzt, wie zum Beispiel in den Klausurphasen.  Man kann grundlegend sagen, dass mir meine Gesundheit viel wichtiger ist als die Schule und dafür gehe ich gerne nach der 12. runter und habe „nur“ meine Fachhochschulreife. Zwar kann ich mit dem Fachabitur nicht meinen Traumjob in der Zukunft ausüben, aber dafür gibt es einen Plan B. Nach dem FSJ würde ich sehr gerne ein Dualstudium bei der Polizei oder beim Zoll anfangen. Oder ich fange eine Ausbildung beim Amtsgericht an. So finde ich auch mit dem Plan B einen Weg für mich.
Kommen wir nun zu meinem Werdegang an dieser Schule. Ich bin seit 2010 an dieser Schule, das bedeutet, dass ich eine von 180 Schüler/-innen bin, die im ersten Jahrgang der IGS ist bzw. war. Ich habe aber die 10. Klasse wiederholt, um einen besseren Abschluss zu bekommen und somit auch die Oberstufe danach besuchen zu dürfen. Euch möchte ich ans Herz legen, dass ihr euch von mittelmäßigen oder schlechten Noten und einer bevorstehenden Abschlussprüfung nicht herunter ziehen lassen solltet. Wenn man sich Ziele setzt, ist alles möglich! 


Ich habe mir auch Ziele gesetzt und hab‘ es geschafft und sitze jetzt in der 12. Klasse.


In den letzten neun Jahren an dieser Schule war ich zwei Jahre lang stellvertretende Schülersprecherin und war ein Mitglied der SV. Dadurch hatte ich viele Einblicke in die Schule und das Denken der Schüler. Dabei ist mir insbesondere aufgefallen, dass viele nicht verstehen können, warum eine Dunkelhaarige mit einem etwas dunkleren Hautton, deutsch ist. Es gab viele Diskussionen und Rechtfertigungen von beiden Seiten.


Aber eins kann ich sagen: Ich als DEUTSCHE mit Migrationshintergrund werde es sehr schwer haben in der Zukunft. Klar, ich liebe meine Herkunft und stehe auch dazu, aber Deutschland ist meine Heimat, ich bin hier geboren und aufgewachsen und es tut weh von Menschen, die mein Aussehen als „ausländisch“ ansehen, angefeindet zu werden. Dadurch ist mir auch aufgefallen, dass ich mich nicht wirklich einer Seite zuordnen kann. Bin ich mit meiner Familie zusammen, heißt es dort, dass ich richtig „deutsch“ eingestellt bin; bin ich unter meinen Freunden, bin ich die kleine ausländische Freundin. 


Unsere Gesetze in Deutschland sind da klar.  Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es im Artikel 1, Absatz 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“  Und weiter geht es mit

 

Artikel 3 Absatz 1 und 3
„(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. […]
 (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

 

Jetzt geht es „nur noch“ darum, diese Grundlage unseres Zusammenlebens auch immer wieder in die Tat umzusetzen. Ich kann da Ungerechtigkeiten benennen und weiß, dass auch andere diese Erfahrungen machen. Deswegen möchte ich alle, denen es so geht, ermutigen und euch sagen, was ich dazu gelernt habe. Befasst euch mich mit diesem Thema und helft anderen, die auch in so einer Lage stecken. Bei mir zum Beispiel ist es ein Auslöser für meinen ursprünglichen Berufswunsch, den ich in der Zukunft verfolgen wollte. Jahrelang war es mein Traum, Rechtsanwältin zu werden, damit ich mich für andere einsetzen und ihnen helfen kann. Stichpunkt an dieser Stelle: KÄMPFEN FÜR DIE GERECHTIGKEIT! 


Ihr fragt euch bestimmt, was will die mir schon erklären über das Kämpfen, und viele von euch fragen sich bestimmt, wie man am besten weitermacht und sich nicht mehr runterziehen lässt. Ich lasse euch ein paar Sätze meiner Lebensphilosophie hier:


1. Redet darüber! entweder mit Freunden, Lehrern oder der Familie, redet darüber, was euch beschäftigt und wovon ihr euch runterziehen lasst.


2. Setze dir Ziele! Erfülle dir deinen Traum à Lass die Meinung anderer nicht an dich herankommen und zieh dein Ding durch, DU LEBST NUR EINMAL! 


3. Entferne dich vom Schlechten, auch wenn es „Freunde“ sind. Du findest in deinem Leben tausendmal bessere Freunde, die dich nicht runterziehen.


Halte dich an diese drei Punkte und glaub mir, du wirst es um einiges einfacher im Leben haben.

 
Konflikte sollten sich nicht weiter zuspitzen, sondern die Gesellschaft von heute sollte sich weiter zum Guten verändern! 


Für mich gilt ein Satz, den der deutsche Philosoph und Publizist R. D. Precht am 21.05.2019 in der Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ in der ARD äußerte: „Die Chancen für eine humane Gesellschaft waren nie so groß wie heute.“

 

Tschüs
Eure Beritan

 

Foto: Die Absolventinnen und Absolventen aus Jahrgang 12 mit ihren Tutoren

Fotoserien zu der Meldung


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Abitur 2019 an der IGS Moormerland